Die Bilder aus Frankreich erschrecken: brennende Barrikaden, massive Gewalt, Tausende Festnahmen. Gewalt ist kein legitimes Mittel, um politische Forderungen durchzusetzen.
Aber wir sollten einen Fehler nicht machen: Weil Proteste eskalieren, werden die Probleme, mit denen sie begonnen haben, nicht plötzlich unwahr.
Französische Schülerinnen und Schüler beklagen fehlende Lehrpersonen, überfüllte Klassen, marode Schulen, überladene Stundenpläne und enormen Leistungsdruck. Manche sprechen von Schultagen von 8 bis 18 Uhr. Im Schuljahr 2024/25 wurden zudem Millionen Unterrichtsstunden nicht erteilt, weil abwesende Lehrpersonen nicht ersetzt wurden.
Was hat das mit Zug zu tun? Mehr, als man zunächst meinen könnte.
Frankreich ist nicht die Schweiz. Unsere Ausgangslage ist eine andere. Aber auch bei uns stellt sich die Frage, was Schule leisten soll – und welche Voraussetzungen sie dafür braucht.
Gerade in Zug setzen wir stärker auf Leistung. Das finde ich grundsätzlich richtig. Der Kanton arbeitet derzeit an standardisierten Leistungstests: Ab der 4. Primarklasse bis ins erste Semester der 3. Sekundarklasse sollen Schülerinnen und Schüler einmal pro Semester in Deutsch und Mathematik getestet werden. Die Ergebnisse sollen mit 20 Prozent in die jeweilige Semesternote einfliessen.
Doch mehr Leistungsmessung schafft noch keine bessere Leistung.
Bei den Grundlagen besteht auch in der Schweiz Handlungsbedarf. Gemäss PISA 2022 erreichten 25 Prozent der 15-Jährigen beim Lesen und 19 Prozent in Mathematik die von der OECD beschriebenen Mindestanforderungen nicht. Gleichzeitig packen wir immer mehr Erwartungen und Inhalte in die Schule.
Bemerkenswert ist deshalb, dass der Kanton Zug in seinen strategischen Entwicklungslinien für die Volksschulen 2027–2030 selbst Lesen, Rechnen und Schreiben als zentrale Grundkompetenzen bezeichnet. Genau dort sollten wir zuerst ansetzen.
Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur fragen, wie oft wir Leistung messen, sondern wofür wir die kostbare Unterrichtszeit einsetzen.
Für mich muss Schule klare Prioritäten setzen: Jedes Kind soll sicher lesen, schreiben und rechnen können und die Unterrichtssprache beherrschen.
Wer beim Lesen Schwierigkeiten hat, braucht mehr Zeit zum Lesen. Wer in Mathematik Unterstützung braucht, mehr Zeit zum Rechnen. Und wer die Grundlagen bereits beherrscht, soll gefordert werden.
Dafür wünsche ich mir flexible Lernblöcke statt immer vollerer Pflichtprogramme. Keine starre Einteilung in starke und schwache Kinder: Ein Kind kann hervorragend rechnen und gleichzeitig beim Lesen Unterstützung benötigen. Andere Lerninhalte könnten stärker nach Fähigkeiten und Interessen gewählt werden.
Gute Bildung braucht aber nicht nur die richtigen Lerninhalte. Sie braucht auch gute Rahmenbedingungen: genügend Lehrpersonen, genügend Schulraum und eine Infrastruktur, die mit dem Wachstum Schritt hält. Gerade im Kanton Zug ist das relevant. Das anhaltende Bevölkerungswachstum erhöht den Bedarf an Schulraum; die neue Kantonsschule Rotkreuz ist ein konkretes Beispiel dafür, wie der Kanton darauf reagiert.
Die Mitte Zug fordert zu Recht die besten Schulen im Kanton. Für mich bedeutet das: Grundlagen stärken, individuell fördern, gute Rahmenbedingungen schaffen und Leistung ermöglichen.
Mehr Leistung? Unbedingt. Aber mehr Leistung entsteht durch mehr Lernen – nicht durch mehr Testen.
Quellen
- Reuters, 3. Oktober 2026: High school students in Paris' deprived suburbs spark national protest movement
- Reuters, 5. Oktober 2026: Teenager's hand blown off as French school protests enter third week
- Le Monde, 5. Oktober 2026: Lehrermangel, überfüllte Klassen und überladene Stundenpläne
- Le Monde, 1. Oktober 2026: Nicht ersetzte Lehrpersonen und ausgefallene Unterrichtsstunden
- Kanton Zug, 1. Juli 2026: Kanton und Schulfeld erarbeiten Leistungstests
- Kanton Zug, 20. Mai 2026: Strategische Entwicklungslinien – Lesen, Rechnen und Schreiben
- Kanton Zug, 22. Juni 2026: Siegerprojekt Kantonsschule Rotkreuz vorgestellt
- EDK, 5. Dezember 2023: Ergebnisse der PISA-Erhebung 2022